Sprachforschung und Citizen Science
Es ist Citizen-Science-Monat! Citizen was? Citizen Science! Das heißt übersetzt „Bürgerwissenschaft“ und wird im Weißbuch von Bonn et al. 2021 definiert als „aktive Beteiligung von Personen an wissenschaftlichen Prozessen, die nicht in diesem Wissenschaftsbereich institutionell gebunden sind“. Für die Sprachforschung ist das besonders spannend, denn Sprache begleitet uns immer und überall, und dadurch sind wir auch alle gewissermaßen Expert*innen für unsere Sprache und unseren Sprachgebrauch. Mit Citizen Science soll auch das Wissen von freiwillig Mitforschenden in aktuelle linguistische Forschung fließen können.
Auch die Sprachschmiede ist eine Citizen-Science-Initiative. Genauer gesagt handelt es sich um eine Citizen-Science-Plattform, auf der freiwillige ‚Citizens‘ in Sprachprojekten in verschiedenen Aktivitäten digital zu sprachlicher Kreativität mitforschen können – etwa durch Experimente und Annotationsaufgaben oder durchs Mitdiskutieren in Foren. Damit tragen sie zur Erforschung von sprachlicher Kreativität als zentrales Phänomen unserer Alltagskommunikation und Sprachkompetenz bei.
Der Citizen-Science-Monat im April
Der Citizen-Science-Monat findet jährlich im April statt und ist eine internationale Initiative, um Citizen Science und partizipative Forschungsansätze ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken. Zu diesem Anlass möchten wir euch fragen, was euch dazu bewegt, sich an sprachwissenschaftlicher Forschung zu beteiligen oder was euch an Sprache fasziniert. Hier geht es direkt zur kurzen Umfrage (max. 5 Minuten). Die Ergebnisse der Umfrage werden nach Abschluss auch hier im Blog vorgestellt und diskutiert. Die Umfrage ist eine Initiative des neu gegründeten Netzwerks „Citizen Science und Sprachforschung“, welches wir im Lichte des Citizen-Science-Monats hier vorstellen möchten.
Von Düsseldorf und Luxemburg über Zürich bis Wien: Das Netzwerk bringt Sprachforschende aus dem deutschsprachigen Raum zusammen, die sich für mehr öffentliche Beteiligung in der Linguistik einsetzen. In den unterschiedlichen Projekten beschäftigen sich Mitforschende u.a. mit Dialekten, ihrer eigenen lokalen Sprachgemeinschaft oder der sprachlichen Analyse von Liebesbriefen, um nur einige Beispiele zu nennen. Eine vollständige Liste verlinken wir in diesem Artikel, sobald die AG-Webseite online ist, auf zwei Beispiele gehen wir näher ein.
Zwei Projekte im Portrait
Zunächst geht es um eine weitere digitale Plattform - oder besser formuliert: eine digitale Karte in Form einer App. Sie heißt Lingscape und wurde an der Universität Luxemburg von Christopher Purschke entwickelt. Wie Purschke (2021) beschreibt, können Nutzer*innen über die App Sprache im öffentlichen Raum fotografieren, hochladen und kurz beschreiben, was ihnen daran aufgefallen ist. Seien es Schilder, Flaggen, Graffiti oder komische KI-Werbeanzeigen, in der Datenbank gibt es bereits Tausende Beiträge. Die nun seit 10 Jahren aktive App hat entscheidendhat mit ihrem Konzept des Linguistic Landscapings („Kartierung von Sprache“) ebendiesen Ansatz in der Sprachforschung etabliert. Beispielsweise wurde es im Wiener Projekt ‚VisibLL‘ dazu genutzt, um mit Mitforschenden beispielsweise genutzt, um sichtbare Mehrsprachigkeit im öffentlichen Raum Wiens zu erforschen. Einen Blick auf die Lingscape-Karte gibt es hier.
Einen anderen Ansatz verfolgt das ‚Sprach-Checker‘-Projekt, initiiert durch das Institut der Deutschen Sprache in Mannheim. Dieses Projekt fand 2022-2025 statt und agiert analog, regional und aufsuchend. Die Sprach-Checker sind Kinder und Jugendliche aus dem Mannheimer Stadtteil Neckarstadt-West. Gemeinsam mit Forschenden des IDS Mannheim untersuchen sie die Sprache und Sprachen ihres Stadtteil-Alltags. In ihrem Bericht beschreiben die Projektinitiator*innen um Roessel et al. (2024), wie die jungen Mitforschenden sich linguistische Methoden aneignen, eigene Forschungsprojekte planen, Daten sammeln, Interviews durchführen und wie sie sie auswerten.
Zudem resümieren sie, dass der Mehrwert von Mehrsprachigkeit für die Vielfalt von Sprache sowohl in der Forschung als auch für die Mitforschenden ein entscheidender Effekt war. Aus dem Projekt sind unter anderem bereits ein Kinderbuch „Der Wörter-Sammel-Koffer“ und der ein Kurzfilm „Stimmen der Vielfalt“ entstanden. Hier geht‘s zum Projekt.
Beide Beispiele zeigen die Vorteile partizipativer Ansätze in Citizen Science: Mit Ansätzen wie in Lingscape können Teilnehmende kollektiv digital und schnell Daten für die Forschung zugänglichmachen, während bei den Sprach-Checkern das Einbringen der individuellen Spracherfahrungen der Mitforschenden im Vordergrund steht. In der Sprachschmiede versuchen wir, beide Ansätze zu integrieren, um sprachliche Kreativität als stark individuelles und vielfältiges Phänomen besser zu verstehen.
Haben wir euer Interesse geweckt? Dann geht es hier zu unseren aktuellen Sprachprojekten zum Mitmachen. Gibt es ein Thema, das euch besonders interessiert und zu dem ihr selbst mitforschen würdet? Dann teilt es in der Umfrage mit. Jeder Beitrag zählt!
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