„Das steht aber nicht im Duden!“ Wie gelangen Wortneuschöpfungen in eine Sprache?

Von Désirée Kleineberg, 2. Oktober 2026

Wer kennt es nicht? Du sitzt mit Familie oder Freunden abends bei einer entspannten Partie Scrabble und dann kommt das schon wieder: „Dein Wort steht aber nicht im Duden, das zählt nicht!“ – dabei warst du doch so stolz auf deinen Wiesentisch und deine Kuchengitarre. Viele Punkte hätten sie auf jeden Fall gegeben. 

Ein Tisch auf einer Wiese
© Katja Gehring, Märkische Oderzeitung. Mit freundlicher Genehmigung

Aber woran machen wir eigentlich fest, ob es das eine Wort schon gibt und das andere nicht? Ob ein Wort undurchsichtig oder transparent ist (was das bedeutet, erfährst du hier), seine Bedeutung also aus seinen Bestandteilen erschlossen werden kann, kann kein Kriterium sein. Andere zusammengesetzte Wörter (auch Komposita genannt) wie Konzertgitarre oder Gartentisch funktionieren genauso wie unsere Scrabble-Beispiele – die stehen allerdings im Wörterbuch. In allen vier Fällen können wir die Bedeutung erschließen, ohne die Wörter vorher jemals gehört zu haben: Es handelt sich um Tische, die entweder im Garten oder auf der Wiese stehen und Gitarren, die auf einem Konzert gespielt werden oder aus Kuchen gemacht sind. Allerdings gibt es auch Komposita wie Truthahn oder Himbeere, aus deren Bestandteilen man heutzutage überhaupt keinen Sinn mehr ableiten kann, wie trut- oder him-.

Die zugrunde liegenden Prozesse der Bildung neuer sprachlicher Formen, deren Verbreitung innerhalb einer Sprachgemeinschaft sowie ihre letztendliche Verfestigung im Wortschatz oder der Grammatik einer Sprache werden in der diachronen Linguistik und Sprachgeschichte untersucht. Diachrone Linguist*innen fragen sich, wie Sprache früher einmal war und wie die Sprache von heute so geworden ist, wie sie ist. Dabei spielt nicht nur die Berücksichtigung von sprachlichen Prozessen an sich eine Rolle. Auch die 

Geburtstagskuchen in Form einer Gitarre
© Yolanda Cueto, separat lizensiert unter CC BY-NC-SA 2.0

Untersuchung von Einflüssen und Faktoren von außerhalb, wie der Kontakt mit anderen Sprachen, die Verbreitung von Dialekten oder gesellschaftliche Dynamiken ist hier wichtig. Deswegen arbeiten Sprachhistoriker*innen in der Regel eng mit Expert*innen aus der Kontakt-, der Sozio- oder der Varietätenlinguistik zusammen. 

Wie gelangen sprachliche Neubildungen in die Sprache?

Am Anfang eines solchen Prozesses steht immer die sprachliche Neuschöpfung an sich. Menschen werden kreativ, wenn sie für ein bestimmtes Konzept noch kein Wort haben, sie bestimmte Wörter vermeiden wollen oder müssen, oder irgendwie auffallen wollen. Solche sprachlichen Innovationen werden tagtäglich zigfach gebildet und in vielen Fällen bleibt es auch genau dabei: Es werden sprachliche Neubildungen erzeugt, die ihren Zweck in einem bestimmten Kontext erfüllt haben und dann wieder von der Bildfläche verschwinden. So könnte man sich gut vorstellen, dass eine Familie den Begriff Brombeereimer für ein bestimmtes Gefäß verwendet, weil Oma Elisabeth damit immer die Brombeeren aus dem Garten gesammelt hat. Außerhalb der Familie würde sich der Begriff aber wohl vermutlich aufgrund seines spezifischen Charakters nicht etablieren. Vermutlich wird der Brombeereimer heutzutage für alles Mögliche verwendet. Ist eine Neubildung nützlich, passend oder sprechend genug, wird sie von anderen Sprecher*innen übernommen, die sie wiederum an Personen weitergeben und so weiter. Beispielsweise kommt das spanische Wort für ‚ankommen‘ llegar vom lateinischen Verb plicare ‚falten‘. Auf den ersten Blick haben diese beiden Wörter nichts miteinander zu tun. Tatsächlich war eine sehr typische Art anzukommen früher aber mit dem Schiff. Beim Anlegen im Hafen falteten die Seeleute die Segel zusammen. Vom Sprachgebrauch der Seeleute aus verbreitete sich diese übertragene Bedeutung dann immer weiter und ist heute fest im spanischen Wortschatz verankert.

Was hat der Duden damit zu tun?

Im deutschen Sprachraum entscheiden wir in der Regel, ob ein Wort „richtig“ oder „gültig“ ist, wenn es im Wörterbuch des Dudenverlags steht. Aber wie kommen die Wörter eigentlich da hinein? Die Zusammenstellung eines jeden Wörterbuchs verlangt Diskussionen in Gremien oder Redaktionen und beruht auf bewussten Entscheidungen darüber, ein Wort in das Werk aufzunehmen oder nicht. Im Fall des Dudenverlags richtet man sich zum Beispiel nach der Häufigkeit eines Wortes und seiner Verbreitung in verschiedenen Medien. Redaktionen anderer Wörterbücher wie die des französischen Akademie-Wörterbuchs orientieren sich dagegen am „guten Gebrauch“ der Sprache. Sucht man hier etwa nach dem Anglizismus E-Mail, wird man automatisch zum Eintrag des französischen Worts courriel weitergeleitet. Die französische Académie Française hat sich seit dem 17. Jahrhundert der Aufgabe verschrieben, die französische Sprache zu vereinheitlichen, zu fixieren und zu pflegen. In der Linguistik wird hier zwischen deskriptiven, also beschreibenden (wie beim Duden) und präskriptiven, also vorschreibenden (wie beim französischen Akademie-Wörterbuch) Werken unterschieden.

Welchen Einfluss haben wir Sprecher*innen darauf, ob sich Wortneuschöpfungen durchsetzen?

Doch zurück zu unserem Scrabble-Abend: Der Wiesentisch und die Kuchengitarre haben es bislang nicht ins Wörterbuch geschafft. Offensichtlich wurden diese Neuschöpfungen noch nicht häufig genug in vielen verschiedenen Kontexten und Medien gebraucht, um als Teil des deutschen Sprachsystems betrachtet zu werden. Eine solche Etablierung ist immer ein Prozess, der auch von Rückzug und Schwund gekennzeichnet sein kann: Beispielsweise ist das Kompositum Maskenpflicht sowohl im Duden-Wörterbuch als auch im Digitalen Wörterbuch der Deutschen Sprache aufgenommen worden. Und tatsächlich wurde dieses Wort relativ lange in vielen Kontexten und Medien während der Corona-Pandemie verwendet, aber nach deren Ende ging sein Gebrauch drastisch zurück. Schreibe uns doch gerne in die Kommentare zu diesem Blogbeitrag, wann dir das letzte Mal dieser Begriff begegnet ist. Sprache ist also immer im Fluss und auch wenn Wörterbücher und Grammatiken sie zu einem gewissen Grad fixieren und festhalten, sind es doch die Sprecher*innen, die die Sprache letztendlich formen und variieren. Wie gelangen also Wortneuschöpfungen in die Sprache? Indem sie im konkreten Sprechakt kreativ gebildet und nach und nach immer weiter verbreitet werden. Halten sie sich lange, sind sie relevant oder prestigereich genug, finden sie am Ende vielleicht auch den Weg in eines der Wörterbücher, die du dann wiederum beim Scrabble-Abend zum Nachschlagen verwenden kannst.

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