Über Trumpisten und Sadisten, Merkeln und Scholzen - Die Kreativität namenbasierter Wortneuschöpfungen

Von Désirée Kleineberg, 30. Oktober 2026

Was haben die vier Wörter aus dem Titel wohl gemeinsam? Klar, da werden drei Politiker*innen genannt, aber was haben die nun mit dem Drang zur Quälerei zu tun? Alle vier Wörter sind Wortbildungen, die auf Eigennamen basieren – wie es aber dazukommt und, was Quälerei tatsächlich damit zu tun hat, das werden wir gemeinsam in diesem Beitrag erforschen.

Personennamen wie Angela Merkel, Stefan Schulze, Ingrid Sigurdsdottir, oder Inés García Fernández sind ein unabdingbarer Teil unseres sprachlichen Alltags: Sie helfen uns, Personen in unserem Umfeld eindeutig zu identifizieren und sind häufig das erste, was wir hören, wenn wir jemanden kennenlernen. Diese Namen bezeichnen Personen in unserem Alltag. Anders als „normale“ Wörter, sogenannte Appellativa, haben sie aber keine wirkliche Bedeutung. Nomina wie Mann, Kind, oder Lehrerin haben eine oder mehrere feste Bedeutung(en), die untrennbar mit ihnen verknüpft ist bzw. sind. So ist ein Kind ein „Mensch in der Lebensphase zwischen Geburt und (Beginn der) Pubertät“ oder eine Lehrerin eine „weibliche Person, die in einer bestimmten Disziplin, Fachrichtung o. Ä. Wissen und Kompetenzen an eine andere Person bzw. Personengruppe vermittelt“. Ohne solche festen Paare zwischen Bedeutung und Bezeichnung wäre Kommunikation innerhalb einer Sprachgemeinschaft nicht möglich (schön veranschaulicht übrigens in der Kurzgeschichte von Peter Bichsel „Ein Tisch ist ein Tisch“ (1969))1. 

Abbildung zum Bezug zwischen dem sprachlichen Zeichen und der Bedeutung
Das sprachliche Zeichen: Baum mit Laut- und Bedeutungsseite, der Name Anna nur mit Laut-, aber ohne Bedeutungsseite

Personennamen, auf die wir uns hier konzentrieren wollen, funktionieren anders als Appellativa: sie sind zwar Bezeichnungen, ihnen fehlt aber die zweite Seite der Medaille, die Bedeutung. Sie sind wie Produktetiketten lediglich Label für das Bezeichnete, also die Person mit dem Namen Stefan, Ingrid, Inés oder Anna. 

Person mit Namensetikett
Namen als Etiketten ohne Bedeutung

Hast du bis hierhin gelesen, wirst du dir vermutlich denken: „die spinnen, die Linguist*innen!“ Natürlich sagen uns solche Namen wie oben zum Beispiel sofort, woher eine Person vermutlich kommt, ob sie alt ist oder jung, männlich oder weiblich. Viele Eltern machen sich vor der Geburt ihres Kindes unendlich viele Gedanken zur Namensgebung und nicht wenige wählen dann einen Namen „mit einer schönen Bedeutung“. Tatsächlich haben Eigennamen keine feste Bedeutung an sich, tragen dafür aber eine ganze Reihe an sehr persönlichen, aber auch weit verbreiteten Assoziationen mit sich, sogenannte Konnotationen. Darin fassen wir alle möglichen Eigenschaften zu einer Person, die neben Alter, Geschlecht und Herkunft ggf. auch das Verhalten betreffen. Ich persönlich kenne zum Beispiel eine Mandy, die Lehrerin ist, in unserer Sprachgemeinschaft wird der Name aber tendenziell eher mit einem niedrigeren sozialen Status assoziiert. Übrigens: Viele Namen stammen zudem in der Tat von Appellativa ab, sowohl Vor- als auch Nachnamen: Im Deutschen kennen wir zum Beispiel viele Nachnamen, die auf Berufe zurückgehen (Müller, Schneider, Schmied usw.), viele Vornamen gehen auf Appellativa aus anderen Sprachen zurück (z.B. Sophia von griech. σοφία ‚Weisheit‘).  Das Digitale Familienwörterbuch Deutschlands zeigt dir zum Beispiel Verbreitung und Herkunft von unzähligen Nachnamen aus dem deutschen Sprachraum, dort kannst du also nachforschen, woher dein Familienname kommt. Wenn Eigennamen also keine Bedeutung per se tragen, transportieren sie aber gesellschaftlich verbreitete und auch individuelle Assoziationen mit sich: Die Herkunft, das Alter, die soziale Zugehörigkeit, und sogar auch typische Handlungen.

Kommen wir nun zurück zu unseren Ausgangsbeispielen. Eigennamen tragen also keine feste Bedeutung, aber eine ganze Reihe an (über)individuellen Assoziationen. Das macht sie zu perfekten Kandidaten für kreative Wortbildung. Kombinieren wir über Wortbildungsprozesse weitere Wortbildungselemente mit einem Eigennamen, werden diese Konnotationen als Basis für die Bedeutungsbildung genommen. Die beiden Verben merkeln und scholzen gehen auf Angela Merkel und Olaf Scholz zurück. Die Bedeutung dieser beiden Verben ergibt sich aus einer Assoziationskette, die ungefähr so aussehen könnte: Angela Merkel → ihre Handlungen → die typischsten davon → Verallgemeinerung auf eine generelle Verbbedeutung → merkeln. Wenn merkeln also bedeutet ‚in wichtigen Angelegenheiten zu zögern‘, heißt das nicht, dass Angela Merkel immer untätig war, es scheint einfach die auffälligste ihrer Handlungen gewesen zu sein, die in diesem Verb eingebunden wurde.

Ähnlich funktioniert auch das zweite Beispiel der Trumpisten. Die Endung -ist(en) bezeichnet ‚eine Person, die die entsprechende Einstellung oder Geisteshaltung hat oder der entsprechenden Lehre anhängt‘ (DWDS): ein Egoist ist also jemand, der Ich-bezogen ist; Trumpist ist also ein Anhänger von Donald Trump. Interessant ist nun, dass wir allein aus dem Wort Trumpist und die mit dem Eigennamen verbundenen Assoziationen ein komplexes Bild eines Trumpisten zeichnen können. Bevor du weiterliest: Wie sähe dieses Bild für dich aus? Schreibe es uns doch mal in den Kommentarbereich!


Je nach Vorwissen, Einstellung und Erfahrung mit dem Eigennamen entsteht ein komplexes Bild eines Trumpisten, das klar über die politische Einstellung hinausgeht und vermutlich neben dem äußeren Erscheinungsbild auch andere Bedeutungskomponenten umfasst, wie Verhaltensweisen bis hin vielleicht zu Ernährungsgewohnheiten. 

Kommen wir abschließend zum Sadisten. Das französische Wort sadisme taucht zum ersten Mal in psychiatrischen Schriften in Frankreich im 19. Jahrhundert auf. In einem französischen Wörterbuch von 1834 wird es dort definiert als „entsetzliche Verirrung der Zügellosigkeit“, es komme zudem von dem Eigennamen Marquis de Sade, der im 18. Jahrhundert schriftstellerisch tätig war. Nun war dieser selbst zu Lebzeiten in zahlreiche Skandale verwickelt – im kollektiven Gedächtnis geblieben sind aber wohl vor allem seine radikal-philosophischen Romane, die auch eine ganze Reihe von explizit sexuellen und gewalttätigen Passagen enthalten. Somit gehen die kreativen Prozesse, die im Wort Sadist wirken, sogar noch weiter als bei den bisherigen Beispielen: Marquis de Sade → seine Bücher →, deren typische Merkmale → Verallgemeinerung der Bedeutung auf einen allgemeinen Gefallen an Quälerei. Diese komplexen Assoziationsketten sind heutzutage aber niemandem mehr bewusst; das auf einem Eigennamen basierende Wort ist in unseren Wortschatz übergegangen und nicht mehr als kreatives Produkt erkennbar (lies hier weiter, wenn du wissen willst, wie neue Wörter eigentlich in eine Sprache kommen).

Wenn du das nächste Mal in den Medien also etwas vom Merz-Debakel oder vom Macronnisieren hörst oder liest, geh nicht einfach direkt darüber hinweg, sondern staune über die komplexen, kreativen Prozesse, die zu diesen namenbasierten Wortschöpfungen geführt haben: Aus der Kombination von einem „bedeutungslosen“ Namen mit einem Wortbildungselement wird über eine ganze Kette von Assoziationen ein neues Wort mit neuer – und kontextuell durchaus vager – Bedeutung. Sind dir in letzter Zeit weitere Beispiele begegnet? Hast du vielleicht den einen Freund, der immer zu spät kommt und der dann mal wieder den Markus macht? Schreib sie uns doch gerne in die Kommentare! 
 


Referenzen

1Bichsel, P. (1969). Ein Tisch ist ein Tisch. In Kindergeschichten (pp. 21–30). Suhrkamp Verlag.

 

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