Wie kreativ kann Wortbildung sein?

Von Amelie Ewald, Désirée Kleineberg, Patricia Linnemann, 18. September 2026

Dieser Satz des kleinen Niklas ist wohl einer, den Eltern tagtäglich so oder in einer ähnlichen Form hören – ziemlich langweilig, denkst Du? Nichts da! Für Linguist*innen zeigt so ein scheinbar normaler Satz die ganze schöne Vielfalt der Bausteine von Sprache. 

Der Beitrag ist eine Einleitung in unsere Blog-Serie, in der wir Dich auf eine Reise in die Morphologie mitnehmen – Morphologie ist die Wissenschaft, die sich mit dem Aufbau und der Struktur von Wörtern beschäftigt.

Morpholog*innen interessieren sich für die bedeutungstragenden Bestandteile von Wörtern wie z. B. Kindergartenbeutel, Beschäftigung, Autos, Buntstifte und Stickeralben. Ein Kompositum, also ein aus verschiedenen 'ganzen' Wörtern zusammengesetztes Wort wie Kindergartenbeutel, können wir dabei in die Bestandteile Kinder, Garten und Beutel zerlegen. Wir können auch unterschiedlichste Wörter aneinanderreihen, sodass wir ein komplett neues Wort wie z. B. die Waldkindergartenbeutelriemennaht erzeugen. Dabei fällt Dir sicherlich auf, dass das Element, das ganz rechts steht, im Deutschen immer die Bedeutung des gesamten Wortes vorgibt. Es handelt sich also um eine ganz bestimmte Naht oder einen ganz bestimmten Beutel. Wir nennen dieses Element auch Kopf (das Bestimmte), die übrigen Elemente nennen wir Determinanten (die Bestimmenden).

Beschäftigung ist dagegen ein sogenanntes Derivat, also ein Wort, das aus einem 'ganzen' Wort und einem Anhängsel wie -ung besteht. Solche Anhängsel können auch vorn ans Wort geklebt werden, aus sympathisch wird dann unsympathisch. Die Bedeutung von Anhängseln wie -ung oder un- kann dabei eher abstrakt sein, also zum Beispiel eine Handlung oder das Gegenteil ausdrücken. Komposition und Derivation sind verschiedene Arten der Wortbildung. Hier geht es in erster Linie um die Veränderung der Bedeutung durch Zusammenfügen von Wörtern mit anderen Wörtern oder den eben beschriebenen Anhängseln. 

Die Beispiele Autos, Stifte und Alben können wir eher aus einer grammatischen Perspektive betrachten: Wenn aus Auto Autos, aus Stift Stifte und aus Album Alben wird, dann verändert sich die Kernbedeutung nicht. Aus der Einzahl wird lediglich die Mehrzahl. Diesen Bereich der grammatischen Bestandteile, der neben den Mehrzahlformen viele andere umfasst, nennen wir Flexion. Bei der Wortbildung entstehen also neue Wörter, die durch Flexion dann grammatisch modifiziert werden können: aus bunt und Stift können wir über Komposition das Wort Buntstift bilden (Wortbildung), welches dann z. B. in die Mehrzahl Buntstifte gesetzt werden kann (Flexion). 

Im Folgenden wollen wir uns vor allem auf die Bildung neuer Wörter fokussieren – schauen wir uns also einmal an, wie Wortbildung genau funktioniert und wie kreativ wir damit werden können. Der Kopf, das bestimmte Wort, steht also bei Komposita im Deutschen immer rechts und verschiedene Anhängsel haben meist eine relativ feste Bedeutung: un- drückt zum Beispiel immer das Gegenteil aus. In der Linguistik nennen wir diese immer gleich ablaufenden Wortbildungsprozesse, mit denen wir unaufhörlich neue Wörter nach dem gleichen Schema bilden können, produktiv: Wie nie ermüdende Maschinen bilden sie mühelos und permanent neue Wörter. In anderen Sprachen können diese Regelmäßigkeiten sehr ähnlich oder auch ganz anders aussehen: Im Türkischen gibt es beispielsweise eine ganze Reihe von produktiven Endungen, die Verben oder Nomina bilden können (güzel-lik, wörtlich ‚schön-lik‘ = ‚Schönheit‘); im Quechua, eine indigene Sprache, gesprochen in Bolivien, Peru und Ecuador, kann die Wiederholung ein- und desselben Wortes zur Bildung eines neuen dienen (z.B. kaša ‚dornige Pflanze‘ →kaša kaša ‚Ort mit vielen dornigen Pflanzen‘). Und im Spanischen werden komplexe Wörter häufig wie in einem Satz durch Präpositionen verbunden (libro para niños, wörtlich ‚Buch für Kinder‘ = ‚Kinderbuch‘).
Diese sehr regelmäßigen, also produktiven, Prozesse würden wir wohl als nicht besonders kreativ ansehen, denn sie folgen einfach den bestehenden morphologischen Regeln eines Sprachsystems. Und dennoch können wir damit Innovationen schaffen. Wie das, denkst Du? Indem wir einzelne Wörter auf kreative Art und Weise miteinander verbinden!
Schauen wir uns dazu einmal ein paar Beispiele an: Zwar sind wir im Deutschen in der Regel daran gebunden, den Kopf, der die Bedeutung vorgibt, ganz nach rechts zu stellen (wie im Englischen, aber im Gegensatz z. B. zum Französischen, wo er links steht: Kochbuch, cookbook, aber livre de cuisine). Davon abgesehen haben wir aber einen gewissen Spielraum bei der Bedeutungsbeziehung zwischen den zwei (oder mehr) Wörtern: Ein Blechkuchen ist AUF einem Blech gebacken, ein Hundekuchen ist FÜR Hunde, ein Marmorkuchen SIEHT SO AUS wie Marmor und ein Tassenkuchen ist IN einer Tasse gebacken (Na, Hunger? 😉). Im Deutschen ist die Beziehung zwischen bestimmenden (Blech-, Hunde-, Marmor-, Tassen-) und bestimmten (-kuchen) Elementen also relativ frei, aber die zusammengesetzten Wörter sind trotzdem transparent, d. h. sie sind im Kontext interpretierbar. Und damit können wir tatsächlich sehr kreativ werden: Was könnte zum Beispiel eine Gewitterkatze sein? Ist es vielleicht eine, die gerne bei Blitz, Donner und Regen draußen ist? Hat sie vielleicht chronisch schlechte Laune? Oder könnte es gar eine Superheldenkatze mit der Fähigkeit sein, Blitze zu erzeugen? 

Opak, also in ihrer Bedeutung undurchsichtig, werden komplexe Wörter meist erst über die Zeit und durch Sprachwandel. Wörter wie Himbeere oder Truthahn waren einmal mit ihren Einzelbestandteilen interpretierbar, sind es heute aber nicht mehr. Oder kannst Du sagen, was ein trut oder eine Him sein soll? Über die Zeit können also auch kreative Wortbildungen in den etablierten Wortschatz einer Sprache integriert werden.
Übrigens: Ist Dir aufgefallen, dass es nicht Tassekuchen, sondern Tassenkuchen heißt, obwohl man für so einen Tassenkuchen nur eine einzige Tasse verwendet? Das liegt daran, dass Tasse-n- hier nicht die Mehrzahl anzeigt, sondern als sogenanntes Fugenelement die Bestandteile des Kompositums miteinander verbindet.

Wie kreativ kann Wortbildung also sein? Jede Sprache hat feste Muster, mit denen sie in der Regel neue Wörter bildet, in den dem Deutschen nahen Sprachen vor allem durch Derivation oder Komposition. Kreativ werden können wir damit vor allem in der Verbindung der einzelnen Elemente: Indem wir neue Kombinationen schaffen, die es bisher nicht gab und die vielleicht dazu in ihrer Art der Zusammenstellung ungewöhnlich sind. Aber auch weniger produktive Wortbildungsprozesse (also solche, die nicht am laufenden Band neue Wörter bilden), wie die Kontamination (Wortverschachtelung), können wir nutzen, um zum Beispiel mit neuen Wörtern zu überraschen (oder weißt Du, was es mit der Boahnane auf sich hat?). Entsprechend haben Wortneuschöpfungen oft einen spielerischen Effekt, dienen der Aufmerksamkeitslenkung beim Marketing oder auch einem ernsthaften kommunikativen Zweck. Vor allem in der Sprache von Politiker*innen können zusammengesetzte Wörter Informationen effizient bündeln und dabei gleichzeitig aber auch – gewollt oder ungewollt – Leerstellen für Assoziationen lassen (siehe auch über die Morphologie hinausgehend das Interview mit unserem Kollegen René Nicolas).
In dem Aufbau und der Struktur der Wörter gibt es also viel zu entdecken, von dem wir hier nur einiges angerissen haben. Das Deutsche hat hier gute morphologische Voraussetzungen, um damit kreativ zu werden, insbesondere die vielen Möglichkeiten zur Komposition. Unsere zukünftigen Blogbeiträgen zeigen Dir, wie solche morphologische Kreativität in der Praxis aussehen kann.

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