„Es war ein stilles Land, hingetupft zwischen sanften Hügeln und träumerischen Flüssen, ein Land, das zu atmen schien, wenn der Morgennebel sich über seine Felder legte. Die Dörfer ruhten darin wie vergessene Gedanken, deren Glocken einst den Himmel berührt hatten.“
Die Textstelle ist ein Auszug aus einem Absatz von ChatGPT (generiert im November 2025), in dem ein Land auf kreative und poetische Art und Weise beschrieben werden soll. Adjektive, mit denen man den Text beschreiben könnte? Definitiv poetisch – durch die vielen Vergleiche (Dörfer wie vergessene Gedanken), Metaphern (träumerische Flüsse), Personifizierungen (das Land schien zu atmen). Ist der Text blumig? Vielleicht sogar kitschig? Ist er kreativ?
Wenn man jedoch genauer hinsieht, fällt eine kleine Unstimmigkeit auf: Woher kommen die Glocken? Gedanken (oder auch Dörfer, sollten sich die Glocken auf diese beziehen) haben normalerweise keine Glocken (allenfalls die Kirchen, die in den Dörfern stehen). Sobald man weiß, dass der obige Text von ChatGPT generiert wurde, fallen solche Details vielleicht auf. Ohne Zweifel können viele menschliche Autor*innen mit Sprache besser umgehen. Aber würde man den Text anders wahrnehmen, wenn man nicht wüsste, dass er von einer Künstlichen Intelligenz (KI) stammt?
Nur menschliche Kreativität ist authentisch
Kreative literarische Sprache ist originell, neu und weicht ab von dem, was bisher schon geschrieben wurde – so definiert sie Geoff Hall in seinem Aufsatz Literary stylistics and creativity. Gleichzeitig gehen wir in unserem Forschungsprojekt davon aus, dass kreative literarische Sprache bei ihren Leser*innen auch etwas auslösen muss und diese sich für sie begeistern müssen, damit sie nicht nur neuartig, sondern tatsächlich kreativ ist. Dies ist jedoch von Person zu Person und Genre zu Genre verschieden und es ist daher stark subjektiv, was als kreativ wahrgenommen wird.
Kunstwerke werden in der Regel als weniger kreativ bewertet, wenn Menschen wissen (oder zumindest denken), dass diese von einer KI geschaffen wurden. Das gilt auch dann, wenn die Urheberschaft im direkten Vergleich gar nicht beurteilt werden kann.1 Wenn wir als Lesende also einen literarischen Text, eine Geschichte, einen Roman oder ein anderes kreatives, künstlerisches Produkt bewerten, dann bewerten wir nicht notwendigerweise nur das Endprodukt. In unsere Bewertung fließt ein, dass ein echter Mensch, ein*e echte*r Künstler*in, dahintersteht und kreativ wurde.
Ein Begriff wird im Zusammenhang mit KI-generierter Literatur und Kunst daher relevant: Authentizität. Vielen von uns ist an kreativen Produkten die menschliche Komponente und damit die Person (oder Gruppe von Personen), aus deren Hand oder Feder das kreative Produkt stammt, wichtig.2
Künstliche Intelligenz und künstliche Kreativität
Gleichzeitig sind KI und große Sprachmodelle heutzutage aus unserem Alltag kaum mehr wegzudenken. In Anbetracht mancher gelungener KI-generierter Werke (seien es Texte, Bilder oder Videos) stellt sich außerdem die Frage, ob KI tatsächlich grundsätzlich weniger kreativ ist. Aus diesem Grund vertreten wir in unserem Forschungsprojekt die Ansicht, dass künstliche Intelligenz auch nur zu künstlicher Kreativität imstande ist. Künstliche und menschliche Kreativität beruhen auf unterschiedlichen Konzepten und lassen sich deshalb nur schwer miteinander vergleichen.3
Richtig eingesetzt kann KI bei menschlicher Ideenfindung oder kreativen Prozessen eventuell unterstützen. Hierbei sind jedoch immer auch die Schattenseiten der KI zu berücksichtigen und es muss transparent gemacht werden, wo KI zum Einsatz kommt. Das Zitat von oben etwa könnte zu einer noch kreativeren Beschreibung eines Landes inspirieren. Andererseits kann nur ein Mensch wirklich reflektieren, ob die Textstelle für ein gewisses Genre angemessen ist oder welche kleinen Ungereimtheiten, wie die „Glocken der Gedanken“ es darin gibt. Künstliche Kreativität kann authentische, menschliche Kreativität in gewissen Fällen vielleicht fördern, aber ersetzen kann sie sie auf keinen Fall.4
- Untersucht wurde dies etwa von Oliver Jacobs und Kolleg*innen in einer Studie, in der Teilnehmende KI-generierte und menschengemachte Kunstwerke bewerten und vergleichen sollten (Jacobs u.a., 2025).
- Für mehr zum Begriff Authentizität siehe zum Beispiel den Blog-Post Authentizität ist kein Tippfehler.
- Wie der Begriff Kreativität im Zeitalter von KI verstanden werden kann, wird unter anderem von Marc Runco diskutiert (Runco, 2025).
- Die Zusammenarbeit von Mensch und KI in kreativen Prozessen wird in dem Artikel: Die algorithmische Muse: Warum KI die Kreativität nicht ersetzt, sondern entlarvt diskutiert.
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